Nahverkehrshelden auf See

veröffentlicht am 08.08.2008, 22:22

Nahverkehr, das ist in den Augen vieler unserer Leser der Schienen- oder Busverkehr. Doch ein Besuch im nördlichsten deutschen Bundesland zeigt, dass auch eine Seereise zum Nahverkehr gehören kann. Denn in der Landeshauptstadt Kiel kann man auf zwei Linien der Fördeschifffahrt mit einem Nahverkehrsticket auf See unterwegs sein.

Typisch Nahverkehr, unser Ausflug beginnt mit einer Verspätung. "Ihr Dampfer wird heute erst um 16:28 an der Bahnhofsbrücke eintreffen" teilt man uns beim Kauf der Fahrkarten gleichgültig mit. Egal, wir haben Urlaub und die Verspätung gibt uns etwas Zeit. Wir nutzen sie, um uns den am Kieler Hauptbahnhof liegenden Hafenbereich einmal genauer anzusehen. Denn seit ich Kiel vor 15 Jahren verlassen habe wurde dieser Ort völlig verändert. Wer früher auf der zwischen dem Hauptbahnhof und dem Hafen liegenden Kaistrasse unterwegs war, blickte zunächst viele Jahre auf große Schrottberge und später wohl ebenso lange auf eine Trümmerlandschaft. Auf die Idee, hier entlang zu spazieren wäre niemand gekommen. Manchmal konnte man hier Angler beobachten, die den tief in der Förde stehenden Heringen nachstellten.

Heute pulsiert an dieser Stelle das Leben. Die Schrottberge sind längst verschwunden. An ihre Stelle ist der "Germania Hafen" getreten. Vor ihm lädt eine kleine Promenade sogar etwas zum Flanieren ein. Sie kann direkt vom Hauptbahnhof über eine hübsche Klappbrücke erreicht werden. Und dies wird von den Bewohnern und Besuchern der Stadt offensichtlich rege genutzt. Daher haben sich sogar ein Lokal und ein Eisgeschäft direkt am Wasser in Gaarden niedergelassen. Dazu gibt es an der Promenade einen Telefonladen und einen Stromhändler. Dies macht den netten Ort irgendwie vergleichbar mit jeder öden deutschen Fußgängerzone.

Doch Kiel hat wesentlich mehr zu bieten

Denn ein Taucher, der über die Mole watschelt und mit einem schweren Kettengürtel bestückt unvermittelt ins Hafenbecken springt, holt die Einzigartigkeit dieses Orts zurück. Der Taucher will offensichtlich eines der im Hafen liegenden Segelboote von unten betrachten. Interessant sind die weiteren Gegenstände seiner Tauchausrüstung. An Land läuft ein kleiner Kompressor aus dem Baumarkt. Er versorgt den Taucher über einen langen Schlauch mit Luft. Die kräftig an die Oberfläche steigende Luftblasen dokumentieren den Weg, den der Taucher auf dem Grund wählt. Er wird an diesem Tag nicht der einzige Lebensmüde bleiben.

Es wird Zeit an den Anleger zurückzukehren. Unser Schiff läuft ein. Wir haben die "Förde-Fährlinie" der Schlepp- und Fährgesellschaft Kiel mbH gewählt. Vom Bahnhof kann man mit ihr alle an der Kieler Förde gelegenen Orte auf dem Wasserweg erreichen. An vielen Haltepunkten besteht Anschluss an das Kieler Busnetz. Das gut gefüllte Fördeschiff legt ab und steuert zunächst den Seegarten an. Auf dem Weg dahin passiert es die Ostseeriesen der Stena- und Color-Line, die Kiel täglich mit Göteborg bzw. Oslo verbinden.

Am Seegarten folgt ein kurzer Stopp - vergleichbar mit jeder Bushaltestelle. Der Decksmann sichert das Schiff mit zwei starken Tauen am Pier. Die Reeling wird geöffnet und ein Ausleger rüber zum Anleger geschoben. Ein paar Passagiere steigen aus, andere hinzu. Ganz ähnlich wie an einem Bahnhof oder einer Bushaltestelle. Sind alle aus- bzw. eingestiegen holt der Decksmann den Ausleger wieder an Bord und löst die Taue. Sofort legt das Fördeschiff ab, die Reeling wird geschlossen. Das Schiff steuert sofort den nächsten Haltepunkt an.

Nahverkehrshelden auf Tour - HDW in Kiel 

Unser Förderschiff lässt die großen HDW-Kräne an der Steuerbordseite hinter sich. Der nächste Haltepunkt, die Reventlou-Brücke liegt direkt am Landeshaus in dem der Schleswig-Holsteinische Landtag tagt. An dieser Haltestelle besteht Anschluss an die zweite Fördeschifffahrtslinie, die im Pendelverkehr die Ostufer-Stadtteile Dietrichsdorf und Wellingdorf mit dem Westufer verbindet. In knapp 10 Minuten überqueren hier täglich hauptsächlich die Studenten der Fachhochschule Kiel die Förde - mit anderen Verkehrsmitteln würde das deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Hier draußen ist die Kieler Förde schon relativ breit. Dies nutzen zahlreiche Sportsegler, die an dieser Stelle ohne den starken Verkehr, der vor den Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals unterwegs ist, ihre Schläge segeln können. Wir passieren unterdessen den herrlichen Aussichtspunkt Bellevue, von dem aus man weit hinaus auf die Ostsee schauen kann. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts entstand hier das erste „Naherholungsgebiet“ Kiels. Es entstanden Ausflugslokale, Pavillons sowie eine Freilichtbühne und die ersten Seebadeanstalten. Dort wurden Bäder mit erwärmten Seewasser verabreicht - in Badezimmern mit Wannen. Nur die Hartgesottenen gingen  mit Hilfe eines Badekarren direkt in der Förde „baden“.

Die Seebadeanstalt Düsternbrook, die der Dampfer auf seinem Weg nach Mönkeberg an Backbord passiert, wurde 1936 zu den Olympischen Segelwettbewerben in Kiel erbaut. Sie ist bis heute von Anfang Juni bis Anfang September als ganz besonderes Freibad geöffnet. Für die Hartgesottenen, die es immer noch in Kiel geben soll, gibt es zudem die Möglichkeit, einen Jahresschlüssel zu bekommen. Er ermöglicht, das ganze Jahr - unabhängig von den Öffnungszeiten der Anlage - in der Förde zu baden.

Kiel ist eine Stadt der Gegensätze

Unser Fördeschiff überquert nun erstmals die Förde und steuert den Anleger Mönkeberg an. Dort springen beim Ablegen Kinder vom Anleger auf das Schiff, um sich von der Bordwand in das Wasser fallen zu lassen. Unbeirrt von diesen Lebensmüden steuert unser Dampfer Möltenort an. Auf dem Weg kann man auf der Steuerbordseite einige interessante Villen bewundern, die in Kitzeberg fast direkt an den Strand gebaut wurden. Nach einem kurzen Stopp am Anleger in Möltenort geht es zurück auf die andere Seite der Förde.

Vorbei an der Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal steuert das Fördeschiff Kiel Friedrichsort an. Hier an der schmalsten Stelle der Kieler Förde baute der dänische König Christian IV. bereits 1631 eine Festungsanlage. Sein Nachfolger Frederik III gab ihr den Namen Frederiksort - zu deutsch Friedrichsort. Bis heute ist dem Ort seine Geschichte als Militärstützpunkt anzusehen. Dazu fällt die im Industriearmen Bundesland Schleswig-Holstein ungewöhnlich hohe Dichte der Schwerindustrie auf. Neben Lindenau Werft, deren Dock wir vom Oberdeck fast berühren können, werden in Kiel Friedrichsort Lokomotiven und große Dieselmotoren hergestellt.

Der Kurs führt das Fördeschiff schnell zurück in die Freizeitgesellschaft. Unmittelbar am Leuchtturm Friedrichsort vorbei geht es zunächst zum Anleger Falkenstein und dann wieder zurück an das Ostufer in das Ostseebad Laboe. Dreimal am Tag überqueren die Schiffe der "Förde-Fährlinie" von hier nochmals die Förde und steuern den 1972er-Olympiahafen Schilksee sowie den Kieler Vorort Strande an, die beide noch etwas weiter draußen liegen. Doch unser Schiff wendet hier und fährt zurück nach Kiel.

55 Minuten für knapp 18 Kilometer zum Fahrpreis von 2,70 € zzgl. 1 € Bordzuschlag, das kann kein Regionalexpress bieten. Wer einmal in Kiel ist, der sollte zwei bis drei Stunden für diese Rundreise einplanen.

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